Im Steinernen Meer vom Alltag abtauchen

Die Murmeltiere rund um das Kärlingerhaus sind schon früh wach. Ihre Warnrufe hallen bis zum Haus herüber. Der Funtensee ist zu dieser Uhrzeit noch in Nebel gehüllt, die ersten Sonnenstrahlen brechen über den Feldkogel herein – dennoch sind viele der Bergsteiger, die im Kärlingerhaus übernachtet haben, ebenfalls bereits auf und bereiten ihre Tour für den Tag vor – und dort heroben, mitten im Steinernen Meer direkt an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich, gibt es viele Möglichkeiten – für jeden Anspruch ist hier etwas dabei.

Schon zum Kärlingerhaus (1630 m) führen einige Wege nach oben: Man kann etwa zwischen dem anspruchsvollen Sageckersteig oder der berühmten Saugasse wählen. Letztere Variante ist wohl die einfachste, denn es warten auf die Wanderer keinerlei Schwierigkeiten, allerdings braucht man durchaus ein wenig Kondition. Beide Touren starten jedenfalls am Königssee (Achtung: der Parkplatz ist kostenpflichtig). Für den Aufstieg durch die Saugasse fährt man zunächst mit dem Schiff – wer gleich in der Früh startet umgeht längere Wartezeiten – rund eine halbe Stunde nach St. Bartholomä – und dann folgt man dort dem Wanderweg.

Dieser führt gleich zu Beginn recht steil hinauf und geht an einem Wasserfall vorbei. Nach gut ein bis zwei Stunden je nach Tempo steht man dann am Einstieg zur Saugasse und sieht den Weg, der in endlosen Schleifen nach oben führt. Die Plagerei geht hier also erst richtig los: Kehre um Kehre kämpft man sich nach oben und macht Höhenmeter um Höhenmeter. Oben angekommen ist das Kärlingerhaus aber noch längst nicht in Sicht. Man muss schon noch ein ganz schön langes Stück laufen, um das Haus endlich zu erspähen, aber dann ist man auch gleich da. Rund drei bis vier Stunden braucht man für die rund 1100 Höhenmeter.

Für den Sageckersteig muss man mit dem Schiff ein kleines Stück weiter fahren – und zwar bis nach Salet. Dort geht man Richtung Saletalm, über die Almwiese führt der Weg dann in den Wald hinein – und man ist bereits direkt drin im Vergnügen. Und: Man ist ab sofort überwiegend allein unterwegs, denn der Steig ist nicht sonderlich stark frequentiert. Was man bedenken sollte, im gesamten Steinernen Meer ist der Handyempfang äußerst schlecht, es sind daher auch keine Notrufe möglich.

Der steile Waldsteig, der mit Holztreppen, Tritthilfen und Felsstufen mit Drahtseilsicherungen versehen ist, kann vor allem, wenn es nass ist, sehr unangenehm sein. Er sollte deshalb nur von trittsicheren und geübten Wanderern begangen werden und eine gute Kondition ist ebenfalls unbedingt erforderlich. Beim Durchschnaufen hat man jedenfalls lange Zeit immer wieder traumhafte Ausblicke auf den Königssee.

Nach der Plagerei auf dem Steig kommt man auf eine Hochfläche, die quert man ziemlich eben, ehe es dann wieder auf einem Pfad weiter nach oben geht. Man trifft dann auf eine Abzweigung, links geht es zur Wasseralm, rechts führt der Weg zum Kärlingerhaus weiter. Am Grünsee vorbei muss man dann noch die Himmelsleiter – hier warten viele Stufen auf die Wanderer – meistern. Dann wartet das letzte, wenig anspruchsvolle Stück auf die Wanderer. Im letzten Teil treffen die beiden Wege – also der über den Sageckersteig und der über die Saugasse – zusammen. Nach gut vier bis fünf Stunden ist man am Kärlingerhaus angekommen – und kann die herrliche Bergluft genießen. Und mit einem Sprung in den Funtensee, der sich ja im Winter als kältester Punkt Deutschlands einen Namen gemacht hat, wunderbar erfrischen.

Und am besten plant man hier oben dann eine Übernachtung ein (Achtung: eine Reservierung im Vorfeld der Tour ist wie auf allen Berghütten unbedingt erforderlich!). Natürlich ist auch eine Tageswanderung möglich – aber dann muss man schon bei seiner Tourenplanung unbedingt bedenken, dass die Schiffe zeitlich begrenzt fahren. Das heißt, man muss oben rechtzeitig wieder aufbrechen, um noch eines der letzten Schiffe auch wirklich noch zu bekommen.

Das Steinerne Meer eignet sich jedenfalls bestens für Wanderungen von Hütte zu Hütte. Eine tolle Tour vom Kärlingerhaus aus führt etwa rund drei bis dreieinhalb Stunden hinüber zum Ingolstädter Haus (2119 m). Zunächst führt der Pfad noch durch den Wald. Doch schon bald taucht man richtig ein ins Steinerne Meer und der Kleine und Große Hundstod – diesen kann man vom Ingolstädter Haus aus hinaufsteigen – türmen sich auf der ausgeprägten Hochfläche gewaltig vor einem auf und auch auf die Schönfeldspitze (2653 m), der markanteste Gipfel des Steinernen Meeres, gerät ins Blickfeld der Wanderer. Überhaupt ist der Aus- und Weitblick hier gigantisch.

Das Gemeine bei dieser Tour ist: Das Ingolstädter Haus ist schon von Weitem zu sehen – hoch oben thront es und es will und will einfach nicht näher kommen. Auch hier kommt es übrigens immer mal wieder mit Begegnungen mit Murmeltieren, die die Wanderer recht neugierig betrachten. Und wenn man Glück hat, dann posieren die Tiere sogar für ein Foto. Oben angekommen erwartet den Wanderer ein modernes Haus mit einer guten Bewirtung – und so lässt es sich hier gut aushalten.

Wer eine Rundtour plant, hat dann als nächste Station das Riemannhaus auf dem Plan. Hier führt ein schöner Höhenweg, der Eichstätter Weg, hinüber. Vor allem der Panoramablick mit Hundstod, Watzmann, Viehkogel und Schönfeldspitze entschädigt für alle Mühen. Nach rund drei bis dreieinhalb Stunden ist man dann am Riemannhaus (2177 m) – es ist vor allem auch durch die Almer Wallfahrt, die jährlich von Maria Alm startet, bekannt – angekommen.

Und dann geht’s am nächsten Tag wieder zurück zum Kärlingerhaus – auch hier taucht man noch einmal so richtig ein ins Steinerne Meer. Und kurz vor dem Ziel, also dem Kärlingerhaus, hört man schon wieder die Pfiffe der Murmeltiere. Sie machen einem so richtig bewusst, dass man weit weg vom Alltag ist. SB